Mittwoch, 21. Februar 2007 - SCHWÄBISCHE POST
 
 

RÖHLINGER NARRENGERICHT / Die neunte Verhandlung des "grobgünstigsten" Gerichts wurde im neuen Domizil abgehalten

Plagen aus Dorf und Kernstadt verknackt

Beim neunten Narrengericht, das erstmals im neuen Domizil der Röhlinger Sechtanarren (RöSeNa) tagte, drehte sich gestern fast alles um eben diesen Neubau. Passenderweise stand mit Mathis Tröster der Planer des Neubaus als Hauptangeklagter vor Gericht.

ELLWANGEN-RÖHLINGEN Mit den Worten "Sabotage am Bauwerk des Jahrhunderts" verwies Richter Gnadenlos, Peter Müller, auf den ersten Angeklagten, Mathis Tröster. In Person des Architekten stand erneut ein Ellwanger vor dem Röhlinger Narrengericht. Tröster, die "vierte Plage" aus der Kernstadt, sei vom Oberbürgermeister geschickt worden, um Verwirrung zu stiften und um Zwietracht zu säen, war sich Staatsanwalt Peter Bauer sicher. Unter dem Vorwand, Kosten zu sparen, habe er die Bauherren dazu verleitet, die Halle schmaler zu bauen - mit dem Erfolg, dass der Umzugshänger nicht mehr reinpasse.
Der Pflichtverteidiger Ludwig Kurz wiederum titulierte den Architekten als "Profi", der den Neubau mit einer "Profigruppe" erstellt habe. Bei dieser Gelegenheit lobte Kurz die vielen Helfer, wie den Rentnertrupp, und zählte auf, wie sie sich jeweils am Bau engagiert haben. Nebenbei schob er die Aktionen, die er unter dem Thema "Pfusch am Bau" anführte, den Helfern in die Schuhe.

 
 
" Zu schnell gebaut"

Der wortgewandte Architekt Mathis Tröster hätte eigentlich auf den Pflichtverteidiger verzichten können: Anhand mehrerer Beispiele zeigte er die Ursache für die Probleme auf: "Die Röhlinger haben schneller gebaut, als ich gezeichnet habe". In Hoffnung auf ein mildes Urteil spendierte er den Helfern 50 Liter Bier.
Zwar wertete dies der Richter als Bestechung, dennoch sprach er den Angeklagten frei. Woraufhin Tröster seine Bierspende großherzig verdoppelte...
In Sachen Neubau gab es aber noch einen zweiten Angeklagten: Der Zeltverleiher und Kronprinz des gleichnamigen Sprudelimperiums, Stefan Gerold, habe zuerst dem Elferrat bei dessen Sitzungen das Lebenselixier vorenthalten, verkündigte Bauer. Nachfolgend habe Gerold der Führungsspitze eine Überdosis des geliebten Hochprozentigen verabreicht, weswegen diese auf der Baustelle ausfiel.
Da fehlten selbst dem Verteidiger die Argumente: Derselbe zitierte aus der Homepage des Geschäftsmannes und sagte ihm: "Des, was do dren stoht, muasch Du au macha". Gerold wurde dazu verurteilt, dem wilden Heer einen Karton Sekt zu spendieren.

 
 
Unter heftigem Applaus wurde das "kriminalistische Schwergewicht" Walter Schlotter auf die Anklagebank zitiert. "Aktionismus mit Herz, aber ohne Verstand", warf ihm der Richter vor. Um seiner Entlassung vorzubeugen, habe er Helfershelfer angestiftet, damit diese Unterschriften von potenziellen Versicherungskunden sammeln, ergänzte der Staatsanwalt. Diese Listen habe er nachfolgend als solche gegen den Schwerlastverkehr ausgegeben - und zur Blamage aller Röhlinger - bei der Bürgerversammlung an den OB übergeben. Deshalb solle er künftig lieber die Finger von jeglicher Art des Verkehrs lassen, empfahl Bauer.
Sein Mandant müsse nicht nur an seine Altersvorsorge denken, sondern auch Miete zahlen, erinnerte der Verteidiger mit Blick auf den Richter. Dieser wiederum ignorierte diesen Seitenhieb, beurteilte diese Aussagen als "erbärmlichen Versuch" und verurteilte Schlotter dazu, dass er - wie sein Dinkelsbühler Pendant - die Hauptstraße sperren und in historischer Uniform Maut kassieren muss. Die Einnahmen sollen dem Förderverein Mehrzweckhalle zu Gute kommen.
 
 
Niedere Service-Dienste

Um ihren Machthunger zu befriedigen, sei Monika Kurz nach Afrika gereist und habe sich mit dem Voodoo-Zauber vertraut gemacht, zeigte sich das Gericht überzeugt. Mit dem entsprechenden Lehrgang gewappnet, wolle sie nicht nur "Männchen verhexen", sondern in die Fußstapfen von Otto Wünsch treten, um die Leute auszufragen, war sich Bauer sicher.
Dass der offensichtlich befangene Verteidiger anführte, Kurz habe nach einem Schwarzarbeiter Ausschau gehalten, der die Vereins-Homepage aufmöbeln soll, half ihr nicht: Sie muss wahlweise als Schwarzer mit den Sternsingern mitlaufen oder beim Männerstammtisch "niedere Dienste im Servicebereich" verrichten.

 
 
Dem Jäger Alois Seibold warf das Gericht "Bedrohung und Verfolgung wehrloser Waldbewohner" vor. Nur weil sich seine Frau ein Bärenfell wünschte, habe er die Trompete gegen eine Schrotflinte getauscht, wusste der Staatsanwalt. Seitdem er nur noch "olivgrün" trage, sei er zusätzlich im Dorf von der Bildfläche verschwunden. Der Verteidiger führte an, dass Seibold nur dem "Ruf der Krone" gefolgt sei und sich deshalb die "Lizenz zum Töten" besorgt habe. Trotzdem wurde er dazu verdonnert, per Crashkurs dem Wilden Heer die Jagdkunde samt Jägerlatein beizubringen.

Eingangs der Verhandlung hatte sich Richter Gnadenlos geärgert, dass die präventive Wirkung auf die Röhlinger begrenzt sei und dass das Gericht die "kriminelle Energie" derselben nicht beeinflussen könne. Von der "Amazone" abgesehen, hätten alle 2006 Angeklagten ihre Strafe verbüßt, verkündete Müller, und räumte für die genannte eine neunmonatige Schonfrist ein.
Gleichzeitig zeigte er sich zuversichtlich, mit dem "Obernarrengerichtshof" künftig für das bisher "fliegende" Gericht einen festen Austragungsort gefunden zu haben. An gerichtsfreien Tagen jedoch, sollen die Räume dem Sportverein und der RöSeNa überlassen werden, kündigte er an.
 


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