Freitag, 01.02.2008 - SCHWÄBISCHE POST - Peter Ilg
 
  Karten-Kult mit klammen Fingern

Das Ergattern von Karten für die Röhlinger Prunksitzungen ist längst zum eigenen Spektakel geworden

Dieser Artikel handelt vom Phänomen des Kartenvorverkaufs zu den Prunksitzungen der Röhlinger Sechtanarren. Er ist ein Protokoll schier unglaublicher Begebenheiten und hat seinen Anfang kurz nach Mitternacht vom Donnerstag auf den Freitag. Dabei startete der Vorverkauf erst am Samstag. Was sich dazwischen abspielt, ist ein sich jährlich wiederholendes Schauspiel, zwar in unterschiedlicher Besetzung, aber immer mit demselben Ziel: möglichst gute Sitzplätze zu ergattern.

Ellwangen-Röhlingen. Der Freitag ist erst wenige Minuten jung, als Simone aufsteht. Lautlos zieht sie sich an, damit sie Mann und Kind im Schlaf nicht stört. Dann schleicht sie aus dem Haus, steigt ins Auto und fährt das kurze Stück von ihrer Wohnung zur Schlierbachhalle. Noch ist dort niemand zu sehen, deshalb macht sie sich wieder auf den Heimweg. Diesmal legt sie sich auf das Sofa, denn in einer Stunde muss sie schon wieder raus, um zu schauen, ob sich an der Situation etwas geändert hat.
Bei ihrer vierten Kontrollfahrt ist es soweit: An den Treppen zur Mühlbachhalle steht ein Auto. Darin sieht sie die Umrisse einer Person, außen ist es völlig ruhig. Dennoch: Allein das parkende Fahrzeug lässt bei ihr die Alarmglocken läuten. Es ist soweit, das Unternehmen Kartenvorverkauf nimmt seinen Lauf.
Simone greift zum Handy, wählt eine Nummer und schon wenige Minuten später reiht sich ein weiteres Auto hinter dem an der Mühlbachhalle stehenden ein. Bis um 8 Uhr sind es sechs Frauen, die sich hier eingefunden haben. Sei stehen zusammen, reden, lachen, trinken Kaffee. Und es gibt eine unsichtbare Reihenfolge, die Gisela Seckler anführt, obwohl sie eben erst gekommen ist. Als sie kam, hat sie einen anderen abgelöst und der wiederum kam für den Fahrer des ersten Fahrzeugs.

 


Kurt Schlosser tritt ans Mikrofon und ruft nacheinander auf.
  „Wir wechseln uns alle zwei Stunden ab“, sagt Seckler. Wir, das ist eine Röhlinger Kegelgruppe. Sie wollen bei der Prunksitzung am Freitag zusammen sitzen, gemeinsam Spaß haben an diesem Abend. „Deshalb stehen wir hier an“, begründet Seckler. Die Umstehenden nicken zustimmend.
Die Karten kosten im Vorverkauf 13 Euro, an der Abendkasse 15 Euro. Keiner der Anwesenden steht allerdings wegen des Vorteils von zwei Euro an. Jeder weiß, dass es an der Abendkasse keine Karten mehr geben wird. Weder am Mittwoch, nach am Freitag noch am Samstag und das bei 500 Sitzplätzen pro Veranstaltung.
 


Freitagmorgen um acht, Gisela Seckler ist die Erste. (Fotos: Peter Ilg)
  Strenges Reglement

Gisela Seckler darf 30 Karten kaufen. Das ist eine Regel, die die Sechtanarren aufgestellt haben, damit nicht der Erste alle vorhanden Karten aufkaufen kann. Eine weitere Regel besagt: Für jede Prunksitzung gibt es eine separate Reihenfolge. Die zeigt sich auf einer Liste, die im Vereinsheim der RöSeNa in der Schlierbachhalle ausliegt. Wer neu hinzukommt, muss sich hier eintragen - und dableiben. Wer geht, wird gnadenlos von der Liste gestrichen.
Um 14 Uhr am Freitag haben sich etwa 20 Leute im Vereinsheim eingefunden. Kinder machen ihre Hausaufgaben, andere lesen, und wieder andere reden über Gott und die Welt. Langweilig ist es keinem. „Der Kartenvorverkauf gehört zum Röhlinger Fasching wie die Prunksitzungen oder die Garden“, sagt Karin Pautz. Sie sitzt für die Sechtafeger an und organisiert deren Sitzplan. Das ist eine Liste mit drei Spalten, denn die Gruppe will für den Freitag 90 Karten kaufen. „Manche sitzen eine Stunde an, andere drei und das mitten in der Nacht“, so Pautz. Es sei kein Muss und jeder habe seinen Spaß daran.
Sie kümmert sich schon seit Jahren um den Kartenkauf und hat schon manches dabei erlebt. „Ich meine, es war die Saison 1995, als einige schon am Mittwochabend ein Zelt aufgebaut hatten. Hier haben zwei der Gruppe geschlafen, um auch wirklich die Ersten beim Verkauf zu sein“, erzählt sie. Andere sagen, die Zelter wollten doch nur diejenigen auf die Schippe nehmen, die meinen, die Ersten sein zu müssen. Die Sechtafeger stehen auf dem zweiten, dritten und vierten Platz in der Freitags-Liste. „Wir wollen in der Gruppe zusammen sein“, wiederholt sie das Argument von Gisela Seckler, die inzwischen lange von anderen Keglern abgelöst wurde.
Lang ist auch die Tradition des Kartenvorverkaufs. Kurt Schlosser ist in der neunten Saison Vorsitzender der Sechtanarren. Er kann sich an kein Jahr erinnern, in dem es an der Abendkasse noch Karten gab. „Vor einigen Jahren haben wir mit der Mittwochs-Vorstellung eine dritte Prunksitzung eingeführt, um den Vorverkauf zu entzerren“, sagt er. Seitdem musste er nachts zumindest nicht mehr aus dem Bett, weil sich Anwohner beschwert hatten, die Anstehenden würden die Nachtruhe stören. Das große Interesse an den Karten ist trotz einer weiteren Prunksitzung geblieben.
Laut wurde es auch in diesem Jahr, allerdings im Vereinsheim und weil das abseits von Wohnungen und Häusern liegt, fühlte sich niemand gestört. Nach dem Nachtumzug in Waldhausen trafen hier die teilnehmenden Sechtanarren zum gemütlichen Beisammensein mit den Ansitzenden ein.
 


Karin Pautz organisiert den Kartenkauf für die Sechtafeger.
  Nachteulen unter sich

„Die ganze Nacht über war die Bude brechend voll“, sagt einer von den Brandjoggale, der neuen RöSeNa-Gruppe, die sich dazu bereit erklärt hatte, die Bewirtung in dieser Nacht zu übernehmen. Sie sorgten für Speis’ und Trank, hatten für ihre Gründung sogar eine eigene Wurst gemeinsam mit Metzger Vitus Bühler entworfen: die Brandjoggale-Wurst. „Basis ist eine gerauchte Bratwurst, die herzhaft gewürzt und schwarz-geraucht ist“, erklärt einer aus der Gruppe – und beißt herzhaft hinein, morgens kurz vor 10 Uhr in der Schlierbachhalle.
Zu diesem Zeitpunkt haben sich etwa 150 Leute eingefunden. Kurt Schlosser tritt ans Mikrofon und ruft nacheinander entsprechend der Listen auf. Zuerst den Mittwoch. Wenn alle Ansitzenden bedient sind, kommen die verbliebenen Karten zum Verkauf. Dann folgt der Freitag. Die Kegler sind die Ersten und auch Karin Pautz hat ihre 90 Karten. Dann folgen die Jungs und Mädels von den Röhlinger Bauwägen, die sich ebenfalls zusammengeschlossen hatten. Nachdem diese Liste abgearbeitet war, wurden die wenigen, übrig gebliebenen Freitags-Karten ausgerufen und auch sie fanden rasch ihre Interessenten. Dasselbe Prozedere fand für den Samstag statt.
Auch Simone war beim Verkauf in der Mühlbachhalle. Sie schaute zwar müde, hatte aber einen zufriedenen Gesichtsausdruck, denn ihre Gruppe bekam die Karten, die sie wollte: weg von den Glasbausteinen, die kalt und ungemütlich sind, weg vom Ausgang, an dem es zieht und auch weg von der anderen Außenseite, an der sich während der Vorstellung viele gegen die Wand lehnen und warten, bis sie ihren Auftritt haben.
Simone heißt eigentlich ganz anders. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. „Man wird leicht zum Gespött der anderen, die auf den ungeliebten Plätzen sitzen müssen“, sagt sie. Ganz bewusst hat die Gruppe deshalb darauf verzichtet, erster auf der Liste zu sein, um unerkannt zu bleiben. Aber auch zweite, dritte oder gar vierte Plätze garantieren gute Plätze.
Innerhalb einer halben Stunde hatte Schlosser alle möglichen Tickets verkauft. Damit war die Operation Kartenvorverkauf für Simone beendet. Sie dauerte sage und schreibe 34 unterhaltsame Stunden – und war nur eine von mehreren Unternehmen in dieser Nacht.
 



Mitglieder des Elferrats der Sechtanarren verkaufen die Eintrittskarten für die Prunksitzung.


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