Dienstag, 21.02.2012 - SCHWÄBISCHE POST

Kiesewetter: „Habe nie den Wulff gemacht“

Das Röhlinger Narrengericht des Wilden Heeres ahndet die Vergehen der Angeklagten – Auch der Bundestagsabgeordnete musste ‘ran

Am Faschingsdienstag war es wieder soweit: Das Narrengericht der Röhlinger Sechtanarren (RöSeNa) tagte im vollbesetzten Narrenstall. Drei der Hauptangeklagten wurden verurteilt, einer wurde freigesprochen.

Ellwangen-Röhlingen. Das Gericht habe heuer wieder „unglaubliche Fälle“ zu verhandeln, erklärte der „in Röhlingen zugereiste Richter“ Wolfgang Wagner einleitend.

Der Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter habe bei der Schließung der Kaserne und des Truppenübungsplatzes „duckmäuserisch“ zugeschaut, ärgerte sich der aus dem „Vorhof der Hölle kommende Hauptankläger“ Peter Bauer. Und nur, weil die CDU alles Grüne abschaffen will. Deshalb stünden auch der Grüne Jäger des Wilden Heeres sowie die Jäger Ledl, Oppel und Seibold zur Disposition. Kiesewetter habe in seiner Zeit in der Jungen Union „Plakate geklebt und nicht abgerissen“, entgegnete der viele, aber nichtssagende Worte sprechende Pflichtverteidiger Ludwig Kurz. Auf dem frei werdenden Übungsplatz könne Alois Seibold das Schießen lernen. Er habe „nie den Wulff gemacht“, verteidigte sich Kiesewetter. Anstelle der Bundeswehr könne doch das Wilde Heer tätig werden. Das Schleimen half nicht. Kiesewetter wurde dazu verurteilt, im Rahmen des Kinderferienprogramms dem „garnisonslosen Volk die zu Ende gehende Epoche“ zu zeigen.

Der Musiker Martin Holzinger sei beim Sportverein in Musikerstrümpfen aufgelaufen – bei einem wichtigen Spiel im Abstiegskampf. Zudem habe er unter dem Pseudonym Elfriede Sonnenblume „Schmach über Röhlingen gebracht“, ärgerte sich Bauer. Wurden doch in einem halben Jahr gleich drei Trainer unehrenhaft entlassen. „Ihr habt den falschen Mann, der Schlotter ist schuld an der FC-Schmach“, erwiderte der Pflichtverteidiger. Er forderte, dass sein Mandant für die Erneuerung des Ehrenamtes den Innovationspreis des Landes erhält. Holzinger befand, dass Walter Schlotter an seiner Stelle auf der Anklagebank sitzen müsse. Schließlich sei der besser versichert. Der Richter räumte in seinem ausweichenden Plädoyer ein, dass der mit der Tochter des Ortsvorstehers in vorehelichem Kontakt stehende Angeklagte mangels an Beweisen nicht für die ihm vorgeworfenen Vergehen verurteilt werden könne. Habe dieser doch aufgrund seines Aggregatzustandes nicht bemerkt, dass er zum Trikot Musikerstrümpfe trug. Er wurde freigesprochen.

Dem Vorsitzenden des Liederkranzes, Eugen Veile, warf das Gericht vor, er habe mit seiner „dilettantischen Bewirtung beinahe das Volk von Röhlingen verhungern lassen“. Und zwar beim Oldtimertreffen des Vereins. Zu diesem habe Veile Tausende Schaulustige angelockt. Dabei sei in der Bibel zu lesen, dass man mit fünf Broten und zwei Fischen 5000 Menschen verköstigen kann, sagte Bauer. Mit so vielen Besuchern war nicht zu rechnen, erklärte der Pflichtverteidiger. Würden doch die Wettervorhersagen – seit Kachelmann im Gefängnis saß – nichts mehr taugen. Letztendlich würden die Leute auch nicht wegen des Essens die Konzerte des Liederkranzes besuchen. „Beim nächsten Mal wird alles besser“, versprach Veile. Obwohl Veile es gewohnt sei, dass er Besucher des Rosenmontagsballes an der Kasse zurückweisen kann, wurde er verurteilt. Er muss beim Kinderfest der „RöSeNa in „Marktschreiermanier Leberkäswecken an Mann und Frau bringen“.

Dem „aus dem Saarland zugereisten Emporkömmling“ Detlef Pitan wurde „dreister Sonnendiebstahl“ vorgeworfen. Aus „purem Eigennutz“ habe Pitan „auf dem geerbten Wiesle an der Costa del Sol der Landfahrer“ eine drehbare Solaranlage installiert. Weswegen die Röhlinger jetzt im Dunkeln säßen. Mein Mandant hatte einen Traum, sagte der Verteidiger. Mit diesem hätte er das Uhl-Projekt tausendfach überragt. Letztendlich dürfe der Saarländer nicht wegen seiner Herkunft bestraft werden. Er habe rein zur lokalen Wirtschaftsförderung gebaut, sagte der Angeklagte. „Verurteilt meinen Papa nicht“, flehte der Neunstadter Dorfbüttel Felix Pitan. Dennoch wurde Pitan dazu verdonnert, beim Kinderfest der RöSeNa mit regenerativen Energien ein Spanferkel zu grillen. Alternativ darf er den Grill von Hand drehen.

Franz Brenner, Hermann Fischer und Eugen Maile wurden zwischendurch zur sofortigen Zahlung von je eines Kartons Schaumweines verurteilt. Die drei hätten eine großzügige Spende in Schnaps umgesetzt. Der Spender würde bis heute auf seine Spendenquittung warten. Zu Beginn der Sitzung hatte der Richter verkündet, „dreistes Diebespack“ habe über Nacht die Gerichtsschelle entwendet. Zur Wiederbeschaffung setzte er ein Fass Bier als Belohnung aus. Für die Ergreifung des Täters – ob „tot oder lebendig“ – sechs Flaschen besten Brandwein. Drei der im letzten Jahr Angeklagten hätten ihre Strafe verbüßt, sagte Wagner zufrieden. Nur Winfried Mack nicht. Mack erhielt eine Fristverlängerung bis zum 11. 11., um trotz des Regierungsverlustes im Landtag im Wilden-Heer-Outfit eine Rede zu halten, in der Röhlingen vorkommt.

© Schwäbische Post 21.02.2012