09.02.2016 - SCHWÄBISCHE POST

Röhlinger ausgebeutet

Das Narrengericht des Wilden Heeres in Röhlingen tagt zum 18. Mal

Am Faschingsdienstag ging im voll besetzten Narrenstall der Mühlbachhalle die 18. Verhandlung des „grobgünstigen Narrengerichts“ des Wilden Heeres der Röhlinger Sechtanarren über die Bühne. Die Angeklagten dreier Verfahren wurden für schuldig befunden und verurteilt.

Von Franz Rathgeb

Ellwangen-Röhlingen. Das „grobgünstige Narrengericht“ des Wilden Heeres der Röhlinger Sechtanarren (RöSeNa) musste sich im 18. Jahr seines Daseins unter Vorsitz des „aus der freien Reichsstadt zugereisten Richters Wolfgang vom Russenbuckel Wagner“ mit „unglaublichen und noch nie da gewesenen Fällen“ befassen.
Als Ankläger trat der aus dem Badischen ins Schwäbische geflüchtete Staatsanwalt Peter der „Aufrichtige Bauer“ auf. „Ludwig von der Schmiede Kurz“ versuchte sich wieder im Amt des Pflichtverteidigers.
Sabine Heidrich: Vor einer Woche war die Stadtkämmerin Sabine Heidrich erstmals Gast einer Prunksitzung, jetzt musste sie sich vorm Narrengericht verantworten. Der Kämmerin wurde „hinterhältige Ausbeutung der bereits verarmten Röhlinger Bürgerschaft nach Raubrittermanier“ vorgeworfen. Die „wild gewordene Amazone“ der Stadtkämmerei würde Wegzoll verlangen und die Röhlinger regelrecht abkassieren.
Der Verteidiger sah dies anders. Die Herren Schneider, Schnell und Schlotter von der örtlichen Bürgerinitiative wollten die Blitzer haben, sagte Kurz.
Der Richter verurteilte die Angeklagte zu einem Herren-Leseabend. Dort solle sie am Beispiel des ehemaligen Bayern-Präsidenten darüber referieren, wie sich das Zahlen von Steuern vermeiden lässt.

Peter Müller wurde wegen „Vorteilsnahme im Amt“ verurteilt.Peter Müller: Dem Ortsvorsteher Peter Müller wurde versuchter Amtsmissbrauch in Form privaten hochbautechnischen Größenwahnsinns vorgeworfen. Zuerst wollte sich Müller mittels des Limesturms ein Denkmal setzen. Dann wollte er seinem Pfahlheimer Amtskollegen in Sachen Schließen von Baulücken nacheifern. Um eine Baulücke zu schaffen, habe Müller kurzerhand auf dem eingeheirateten Anwesen und mit Fördergeldern einen Stadel abgebrochen.
Der Verteidiger erinnerte an Müllers Verdienste um die Rückführung der Einnahmen aus dem Bierliefervertrag der Sechtahalle. Müller selbst verwies auf seine angeblich im Grundgesetz verankerte Immunität.
Müller wurde wegen „Vorteilsnahme im Amt“ zu einer heimatgeschichtlichen Dorfführung verurteilt. Beim Rundgang durchs neue Baugebiet muss er erklären, warum die Bauplatzpreise so hoch sind.

Peter Higler: Dem Versicherungsagenten und Feuerwehrmann Peter Higler wurde „hinterhältige Sabotage einer Jahrhunderte alter abendländischer Kultur und Tradition“ vorgeworfen. Higler wollte Röhlingen „zu einem Ort ohne Lebensrisiko machen“, ärgerte sich der Staatsanwalt. Deshalb habe der Feuerwehrmann den seit Jahrhunderten stattfindenden Martinsumzug mit Pferd untersagt. Stattdessen mussten die Kinder mit „Hochsicherheits-LED-Laternen“ in der Kirche einige Runden laufen. Der Pflichtverteidiger meinte, dass es um die Sicherheit in Röhlingen nicht so gut bestellt sei. „Schutz und Sicherheit im Zeichen der Rötlener Burg“, forderte der Angeklagte. Higler kommt auf Bewährung davon, wenn er dafür sorgt, dass bis spätestens am 11.11. dieses Jahres ein regulärer Martinsumzug mitsamt Pferd stattfindet. Es reiche, wenn „der Gaul im Anhänger transportiert“ werde.



Den drei Musikanten Franz Bühler jun., Benny Kurz und Magnus Müller wurde „feiger Verrat an der letzten Männerbastion am Magde-Stammtisch“ vorgeworfen. Sie hatten sich bei den Aufbauarbeiten zur „Abbruch-Party“ in der Sechtahalle verdrückt und am genannten Stammtisch verkrochen. Dort wurden sie jedoch von der Musikantin Ann-Katrin Riethmüller aufgespürt. Als die junge Frau die Burschen in den Senkel stellte, sei das Weltbild der Stammtischsenioren zusammengebrochen. Hier werde ein falsches Frauenbild suggeriert, urteilte das Gericht. Es wies die Anklage ab: Freispruch.

Vera Schlotter und Ramona Vaas: Im Rahmen eines Eilverfahrens wurden die Gardetrainerinnen Vera Schlotter und Ramona Vaas angeklagt. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie ihre Schutzbefohlenen, die 21 Mädels der Jugendgarde, in Lauchheim stehen ließen und ohne diese sowie in „schnatternder Weise“ in den bereitstehenden Bus einstiegen. Sie wurden dazu verurteilt, dem Wilden Heer an Ort und Stelle einen Karton besten Schaumwein zu bezahlen.

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